„Lass ihn erstmal anfangen“
Ein Vater über Berufsorientierung
Interview von Susanne von Einstieg mit Susanne
Viele Jugendliche träumen von einem Auslandsaufenthalt. Egal, ob Schüleraustausch, Au-pair, Freiwilligendienst oder Sprachreise – für dich als Elternteil bringt das viele Fragen und Unsicherheiten mit sich. Susanne Troll, Autorin des Ratgebers “Die Auslandsreise” und seit Jahren Referentin auf den Einstieg Messen, begleitet Familien bei diesem wichtigen Schritt. Im Gespräch mit uns gibt sie Tipps beantwortet typische Eltern-Fragen.
Einstieg: Susanne, was motiviert junge Menschen am meisten, ins Ausland zu gehen?
Susanne: Es gibt viele unterschiedliche Gründe. Der Klassiker ist sicher der Wunsch nach einer Auszeit – nach so vielen Jahren Schule und Büffeln. Viele Jugendliche spüren einfach Abenteuerlust und wollen raus in die Welt. Heute haben sie dafür auch mehr Luft: Der Zeitdruck ist nicht mehr so hoch wie früher, weil Ausbildungsbetriebe und Hochschulen um Nachwuchs kämpfen. Viele sagen deshalb: „Ich nehme mir erst einmal Zeit, arbeite vielleicht ein bisschen, gehe ins Ausland – und entscheide dann, ob ich studiere oder eine Ausbildung mache.“
Einstieg: Gibt es noch andere Gründe?
Susanne: Ja, sehr vernünftige. Man möchte eine Sprache lernen, Punkte für einen Studienplatz sammeln oder in einen Beruf hineinschnuppern. Wer später Medizin oder Lehramt studieren möchte, profitiert zum Beispiel von einem Freiwilligendienst mit Menschen. Und auch das Internet, speziell Social Media, nimmt Einfluss: Über Influencer, die ihre Auslandsaufenthalte teilen, bekommen Jugendliche Inspiration und Zugang zu Informationen, die früher nicht so greifbar waren. So entsteht der Wunsch, über den Tellerrand zu schauen und die Welt selbst zu erleben. Und nicht zuletzt wirkt Corona nach: Viele konnten ihren Schüleraustausch nicht antreten oder ihre erste Sprachreise mit 14 nicht machen. Jetzt sind sie 19 oder 20 und möchten das nachholen.
Einstieg: Welche Rolle spielen wir Eltern in der Entscheidungs- und Vorbereitungsphase?
Susanne: Viele Eltern finden es super, wenn ihr Kind ins Ausland geht – ob zur Sprachreise, zum Schüleraustausch oder ins Gap Year nach dem Abschluss. Andere sind kritischer und wünschen sich einen sinnvollen Bezug zum späteren Beruf oder Studium. Dieses Gespräch führe ich oft auf den Einstieg Messen: Der oder die Jugendliche möchte zum Beispiel als Au Pair ins Ausland, und die Eltern fragen: „Wozu, wenn du doch später Manager werden willst?“ Dabei geht es bei einem Auslandsaufenthalt nicht nur um den direkten Karrierebezug. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln, Menschen kennenzulernen, über den Tellerrand zu schauen.
Einstieg: Heißt, Auslandsaufenthalte formen die Persönlichkeit?
Susanne: Genau. Jugendliche trauen sich mehr, lernen Dinge, die man in der Schule nicht lernt, und kommen mutiger zurück. Sie haben weniger Angst, neue Leute kennenzulernen oder in eine fremde Stadt zu ziehen. Kurz gesagt: Sie bringen wertvolle Soft Skills mit. Und es darf ruhig auch mal verrückt sein! Wer Lust hat, Pinguine zu hüten oder auf einer Straußenfarm in Südafrika zu arbeiten – warum nicht? Viele Eltern sehen das heute genauso. Gerade nach der Corona-Zeit, in der die Jugendlichen auf so vieles verzichten mussten, spüre ich von Seiten der Eltern eine große Unterstützung: Mama und Papa gönnen ihren Kindern diese Erfahrung.
Einstieg: Ab welchem Alter ist ein Auslandsaufenthalt sinnvoll? Siehst du den größten Mehrwert eher nach dem Schulabschluss oder schon mittendrin, zum Beispiel beim klassischen High-School-Jahr?
Susanne: Beides kann wertvoll sein – es hängt stark vom Kind ab. Manche Eltern sind sehr offen und sagen sofort: „Mach gleich einen Schüleraustausch!“ Andere sind eher zögerlich und finden es besser, wenn der Auslandsaufenthalt erst nach der Schulzeit stattfindet. Beides ist völlig in Ordnung.
Natürlich spielt auch die finanzielle Seite eine Rolle. Ein Schüleraustausch während der Schulzeit ist oft relativ teuer. Im Gap Year nach dem Abschluss kann man dagegen unterwegs auch selbst Geld verdienen und die Kosten besser abfedern. Als grobe Orientierung empfehle ich, nicht viel früher als mit 14 Jahren zu starten. Denn die Jugendlichen müssen in der Lage sein, allein zu reisen – mit dem Flugzeug oder der Bahn – und dazu gehört eine gewisse Reife. Eltern haben da meist ein gutes Gespür: Traut sich mein Kind das schon zu oder ist es noch zu jung? Organisationen helfen bei der Einschätzung. Sie sprechen vorher ausführlich mit den Jugendlichen und haben viel Erfahrung, ob sie den Anforderungen bereits gewachsen sind.
Einstieg: Welche Fragen sollten Eltern in Bezug auf Betreuung, Versicherung und Notfallpläne unbedingt stellen?
Susanne: Das hängt natürlich stark davon ab, wie alt das Kind ist und um welche Art von Auslandsaufenthalt es geht. Bei einem Schulaufenthalt gibt es in der Regel feste Betreuungspersonen. Wichtig ist, dass dein Kind weiß, an wen es sich wenden kann, falls die Gastfamilie nicht passt oder Heimweh aufkommt – und dass auch du als Elternteil einen Ansprechpartner hast. Gut ist, wenn es schon vorab Informationsveranstaltungen gibt, bei denen diese Fragen geklärt werden. Wenn du eine Organisation oder Agentur beauftragst, achte unbedingt auf deren Seriosität. Schau dir die AGB an, prüfe den Hauptsitz und überlege: „An wen wende ich mich, wenn etwas schiefläuft?“ Wenn der Gerichtsstand irgendwo weit weg ist, kann das im Ernstfall kompliziert werden. Wichtig ist auch die Sprache: Gibt es Mitarbeitende, die Deutsch sprechen – oder zumindest zuverlässig Englisch? Kurz gesagt: Eine klare Betreuung vor Ort, transparente Ansprechpartner und seriöse Strukturen sind die Basis, damit du dein Kind mit einem guten Gefühl ins Ausland schicken kannst.
Einstieg: Auch die Kosten sind entscheidend. Was empfiehlst du Familien, die sich einen Auslandsaufenthalt wünschen, aber finanziell genau hinschauen müssen?
Susanne: Am wichtigsten ist: rechtzeitig anfangen zu planen. Denn dann bleibt genug Zeit, Geld zur Seite zu legen. Auch die Jugendlichen selbst können sparen bzw. Geld dazuverdienen – sei es mit Nebenjobs während der Schulzeit oder indem sie nach dem Abschluss zunächst ein paar Monate arbeiten, bevor es ins Ausland geht. So erleben sie gleich, wie es ist, sich ein Ziel selbst zu finanzieren. Wenn das Budget dennoch knapp ist, lohnt es sich über einen kürzeren Aufenthalt nachzudenken oder den Auslandsaufenthalt mit Arbeiten vor Ort zu kombinieren. Mein Tipp: Manche Schulen haben Partnerschulen im Ausland, so können Kosten reduziert werden. Auch Städtepartnerschaften oder Organisationen wie Rotary bieten Austauschprogramme oder Ferienaufenthalte an. Es lohnt sich, ein bisschen zu recherchieren und sich umzuhören – oft ergeben sich überraschende Chancen direkt vor Ort.
Einstieg: Typische Sorgen sind Heimweh oder ein möglicher Abbruch. Wie können Eltern ihr Kind mental vorbereiten – und gleichzeitig lernen, loszulassen?
Susanne: Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für Eltern. Trennungsangst gibt es auf beiden Seiten. Ein guter Weg, um Sicherheit zu gewinnen, ist eine Art „Schnupper-Reise“. Bei einer Sprachreise zum Bespiel wohnt der oder die Jugendliche in einer Gastfamilie. Danach kann man gemeinsam schauen: Wie war das? Hat es gut funktioniert – oder ist es vielleicht noch zu früh? Und wenn es noch nicht passt, dann wartet man eben ein Jahr. Das Thema Heimweh wird oft überschätzt. Meist tritt es eher vor der Abreise auf. Wenn die Jugendlichen dann vor Ort sind, in einer Familie gut ankommen, eine Schule besuchen oder neue Freunde finden, verschwindet das Heimweh meist schnell. Natürlich braucht es manchmal ein paar Wochen, bis man sich eingewöhnt hat – eine neue Sprache, eine neue Umgebung, neue Leute. Aber genau das ist ja auch Teil des Lernprozesses. Eltern müssen einfach Vertrauen haben und loslassen: Kinder brauchen die Chance, eigene Erfahrungen zu machen – auch wenn nicht immer alles perfekt läuft.
Einstieg: Mit welchen Missverständnissen oder falschen Erwartungen von Eltern hast du in deiner Arbeit besonders oft zu tun?
Susanne: Ein Beispiel ist die Vorstellung, dass ein Auslandsaufenthalt immer einen klaren, „sinnvollen“ Bezug zum späteren Studium oder Beruf haben muss. Dabei ist der eigentliche Sinn die Erfahrung selbst. Man wächst als Mensch, egal wo man arbeitet, und man eignet sich wertvolle Kompetenzen an: Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen, interkulturelle Erfahrungen. Übrigens: Dieses berühmte „Loch im Lebenslauf“ gibt es gar nicht. Im Gegenteil: Kein Arbeitgeber wird es negativ sehen, wenn jemand als Au Pair gearbeitet oder Work & Travel gemacht hat. Viele finden es spannend, weil man damit zeigt, dass man Initiative ergreift und sich in einer fremden Kultur zurechtfinden kann. Gerade in internationalen Unternehmen ist Englisch die Firmensprache, viele Meetings laufen multikulturell ab. Da macht es einen riesigen Unterschied, ob man schon einmal im Ausland verhandelt oder einfach den Alltag auf Englisch gemeistert hat. Genau das sind die Erfahrungen, die später Türen öffnen.
Einstieg: Und wenn die Rückkehr ansteht: Worauf sollten Eltern gefasst sein, wenn ihr Kind nach einigen Monaten oder einem Jahr wieder zu Hause ist?
Susanne: Oft hat das Kind kaum den Koffer abgestellt, da wird schon die nächste Reise geplant. Viele bekommen richtig Fernweh und überlegen gleich, wie es weitergehen könnte – vielleicht mit einem internationalen Studium oder einem weiteren Auslandsaufenthalt. Ganz klar verändert sich etwas: Dein Kind kommt selbstständiger und mutiger zurück. Diese Erfahrung macht erwachsener und das ist schön zu sehen. Für Eltern bedeutet das auch ein Stück Beruhigung: Man weiß, das Kind hat sich bewährt, es kann allein zurechtkommen und Verantwortung übernehmen. Und mit diesem Wissen lässt es sich nachts vielleicht ein bisschen entspannter schlafen.
Einstieg: Wenn du Eltern einen einzigen Tipp mitgeben dürftest: Was ist aus deiner Erfahrung das Wichtigste, um die Auslandsreise des eigenen Kindes gut zu begleiten?
Susanne: Lass dein Kind machen – und unterstütze es, auch wenn es mal unsicher ist. Sag ihm: „Das schaffst du!“ Diese Ermutigung gibt unglaublich viel Kraft. Heute ist es so einfach, in Kontakt zu bleiben – über WhatsApp, Instagram oder andere Kanäle. Eltern können also nah dran sein, ohne ständig dazwischenzufunken. Wichtig bleibt: Das Kind soll allein reisen, eigene Erfahrungen sammeln und sich beweisen dürfen. Und wenn du selbst unsicher bist, lohnt sich ein Blick auf die Website des Auswärtigen Amts. Dort findest du aktuelle Empfehlungen und Hinweise zu Reisezielen. So kannst du mit einem guten Gefühl loslassen – und deinem Kind die vielleicht prägendste Erfahrung seines Lebens ermöglichen.
Buchtipp:
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